Roter Nebel

„ROTER NEBEL“

Eine Kurzgeschichte, spielend im Universum von Star Citizen
von Benjamin Zollmann


Endlich, Hilfe!“ dachte er. Roter Nebel.

TEIL 1

VOR DER SIEDLUNG

Die Siedlung lag so ruhig da wie die vielen Stunden zuvor. Der eisige Wind strich unerbittlich über sie hinweg, überzog die roten, auf Stelzen stehenden, Wohmodule mit Schnee und Eis. Von Wind und Kälte der vergangenen Jahre zerfressene Fahnen, Orientierungsleinen und Abdeckplanen flatterten unruhig mit ihm umher. Alles wirkte wie vor Ewigkeiten verlassen. Lediglich das durchblitzende Rot der abgenutzten Wohmodullackierung um die Klimatisierungseinheiten und deren aufsteigender Dampf ließen das Gegenteil vermuten. Bei genauerem Hinsehen konnte man außerdem ein wenig Licht zwischen den Schotten der Fenster erkennen. Und Tom sah sehr genau hin. Er wendete den Blick kurz ab, wischte sich den Schnee von seiner Schutzbrille und schaute dann wieder durch das Visier seines Gewehrs. Ohne optische Unterstützung durch das Visier wären ihm der Ursa wie auch der Cyclone neben den Wohnmodulen vermutlich gar nicht aufgefallen.

Sie hatten es geschickt angestellt. Hatten beide Fahrzeuge unter Planen versteckt und darauf gewartet, dass der Schnee jegliche Spuren verwischt. Alles sollte den Anschein haben, sie seien längst über alle Berge. Doch Tom wusste es besser. Er hatte sich gerade noch retten können. Sie rückten im Morgengrauen an. Sie waren von Norden her gekommen und hatten keinen Zweifel aufkommen lassen, was sie hier wollten. Tom war als einziger davongekommen. Sie hatten alle umgebracht. Sie hatten ihm seine Frau und seine Tochter genommen. Er war in einem unbeobachteten Moment entkommen. Keine Ahnung, wer die waren und was sie wollten. Doch um etwas Persönliches ging es hier nicht. Das waren keine Piraten. Soviel war sicher. Das waren Söldner. Das hatte er an ihren Uniformen und ihrer Ausrüstung erkannt. Auch ihr Verhalten war zu sauber und organisiert, um auf etwas anderes schließen zu lassen. Er hatte gewusst, dass die Firma, die ihn hierher, in diese trostlose Tundra voller Eis kalter Lebensfeindlichkeit, geschickt hatte, keine heiligen waren. Doch als er unterschrieben hatte und mit Frau und Kind für dieses eine Jahr hierhin umgezogen war, da war er nicht davon ausgegangen, dass so etwas möglich sei.

Seit Stunden lag er nun schon hier auf der Lauer. Er traute sich kaum zu bewegen, wenn er nicht entdeckt werden wollte. Vermutlich beobachteten sie die Umgebung genauso intensiv wie er die Siedlung beobachtete. Noch hatte er keine Ahnung, was diese Söldner hier wollten, doch eines war ihm klar: Wenn sie noch immer hier waren, dann durften keine Zeugen übrig bleiben. Und er war der Letzte, der hiervon erzählen konnte. Sämtliche Siedler waren vor seinen Augen erschossen worden und wäre nicht dieser Sturm dazwischen gekommen, dann wäre es für ihn auch so ausgegangen. Doch jetzt zählte nur noch eines: Hilfe holen. Egal wie.Die Stunden der Untätigkeit in dieser Eiseskälte machten sich langsam bemerkbar. Er hatte zwar winterfeste Kleidung an, doch die hielt ihn auch nicht ewig warm. Mit einem entsprechenden Schutzanzug hätte die Sache sicher anders ausgesehen. Aber dann hätten Sie ihn vermutlich auch eher orten können. So verdeckte der Schnee und die beißende Kälte seine Lebenszeichen wie es schien. Doch mittlerweile schmerzten seine Finger bereits und seine Beine fühlten sich fast taub an. Die Kälte kroch in ihm hoch. Er nahm die Hände kurz zusammen, hauchte sich ein wenig Wärme zu und Griff dann wieder sein Gewehr. So wartete er Stunde um Stunde auf eine Möglichkeit, an Kommunikationsausrüstung oder ähnliches zu kommen, um Hilfe zur rufen. Wenn sie doch nur verschwinden würden.

Dann tat sich etwas. Die Tür eines der Wohnmodule ging auf und zwei vermummte Gestalten traten heraus. Die Gewehre auf dem Rücken stapften sie die Treppen hinunter, deckten den Cyclone ab, stiegen ein und starteten eine langsame Fahrt um die Siedlung herum. Ganz offensichtlich waren sie auf der Suche nach ihm. Das war seine Chance. Tom hatte sich vorgestellt, dass wenn der Sturm in Intensität und Lautstärke nur unvermindert bestehen bliebe und er nur auf ausreichende Distanz herankäme, er imstande wäre den einen oder anderen auszuschalten, ohne dass der Rest etwas mitbekam. Soweit die Theorie. Doch bis jetzt hatte sich in all den Stunden eben keine solche Möglichkeit ergeben. Noch dazu war er ganz sicher kein Scharfschütze oder etwas dergleichen. Er wusste wie man jagt, doch das war auch schon alles. Für Tiere reichten seine Künste. Für Menschen und Söldner – das hatte er nie und nimmer in Betracht gezogen. Doch sie hatten ihm seine Frau und seine Kinder genommen und am Ende musste er es einfach versuchen. Er konnte sie unmöglich davonkommen lassen. Der Wind blies erneut Schnee über ihn hinweg in Richtung Siedlung, als der Geländewagen nach und nach in seine Richtung einschwenkte.Die Spannung wuchs in Tom. Noch nie hatte er sich verteidigen müssen. Sein Herz begann zu rasen. Der Schweiß lief ihm, trotz winterlicher Kälte, die Stirn herunter. Er zitterte. Er legte den Finger an den Abzug und stellte die Entfernung seines Visiers neu ein, je näher das Fahrzeug ihm kam. Ob sie irgendwann anhielten? Dann hätte er es einfach, einen Treffer zu landen. Wen würde er zuerst ausschalten? Den Fahrer oder den Beifahrer? Was, wenn er verfehlte und beide zurückschießen? Was wenn er getroffen würde? Toms Gedanken überschlugen sich. Dann erinnerte er sich kurz an seine Jagdausbildung. Ruhiges Atmen hatte ihm sein Lehrer immer empfohlen. Ausatmen und mit der Ausatmung schießen. Er legte erneut an, zog sich die Schulterstütze noch fester heran, atmete tief ein und wieder aus, das Fahrzeug kam jetzt fast auf gerader Linie auf ihn zu – eine bessere Chance würde er vielleicht nicht mehr bekommen – er zog am Abzug. Roter Nebel. Der Fahrer kippte mit einem Loch in der Brust vorn über und das Fahrzeug beschleunigte schlagartig, ehe es wenige Meter vor Tom in eine Schneewehe krachte. Der Beifahrer konnte sich gerade noch halten, nahm seine Waffe und sprang aus dem Fahrzeug. Er ging um das Fahrzeug herum, stieg auf die Ladefläche, bemannte das auflafettierte Automatikgewehr und zielte völlig unwissend und grob in die Richtung, aus der er vermutete, dass der Schuss kam. Der Lauf des Automatikgewehrs begann durch die Ladungsaufnahme bläulich zu glühen. Tom konnte das knisternde Geräusch durch die Sturmwehen hindurch hören. Er hatte keine Zeit nachzudenken. Puls und Atmung rasten vor Aufregung. Er legte am ganzen Körper zitternd erneut an, atmete erneut tief ein und wieder aus – Roter Nebel. Der Schütze griff sich an den Hals, ehe er im nächsten Moment zur Seite umkippte und mit dem Helm auf der Fahrzeugwand aufschlug.

Ben konnte seinen eigenen Herzschlag hören, während er fast regungslos einige Minuten abwartete ob sich noch etwas tun würde. Er erwartete, dass jeder in der Siedlung das Geschehen mitbekommen haben und nun nach ihm suchen würde. Doch nichts geschah. Auch keiner der beiden Söldner stand wieder auf und als sich das Adrenalin in Toms Körper zu legen schien, begann er am ganzen Körper unkontrolliert zu zittern. Noch immer tobte der Schneesturm über die Szenerie hinweg. Die Sicht wurde zunehmend schlechter und das Getöse des Windes immer lauter. So vergingen die Minuten, ehe er wieder bei seinen Sinnen war. Ganz offensichtlich schien sonst niemand etwas von diesem Vorfall mitbekommen zu haben. Und das obwohl der Rest der Söldner zweifellos versucht haben musste, dem Geschehen zu folgen, blieb die Verstärkung doch aus. Doch was, wenn sie Funkverbindung hielten? Was, wenn die Lichter des Cyclone plötzlich unnötiger Weise zu lange stillstanden und es nur noch wenige Momente dauerte, ehe sie losstürmten? Selbst wenn es so wäre, er hätte es nicht sagen können, denn das Fahrzeug verdeckte ihm die Sicht auf die Siedlung.

Langsam, mühsam, mit vor Kälte steifen Gliedern und unter einer dickeren Schneedecke begraben als zunächst gedacht stand Tom auf und schlich in geduckter Haltung langsam an das Fahrzeug heran. Das Herz klopfte ihm noch immer bis zum Hals. Er griff nach de Fahrertür, öffnete sie und der tote Fahrer fiel vor ihm in den Schnee. Tom erschrak davor, trotz dessen dass er sich gedanklich darauf vorbereitet hatte. Er hatte noch nie einen Toten gesehen. Geschweige denn jemanden, der durch seine Hand zu Tode gekommen war. Tom schlich weiter ans Ende des Fahrzeug, blieb aber in Deckung. Mit der Schulter an der Verkleidung erhob er sich und wagte einen Blick über sie hinweg. Dort lag der tote Schütze. Inmitten von Blut und Schnee. Er war bereits zu großen Teilen von Schnee bedeckt. Was jetzt? Toms Hände zitterten noch immer vor Aufregung. Der Atem ging schwer. Er wagte sich bis ans Ende des Cyclone heran, um einen Blick auf die Siedlung zu erhaschen. Am Ende angekommen blendeten ihn die Rückleuchten zu sehr, als dass er hätte etwas in der Ferne erkennen können. Er schlich zurück zur Fahrerseite, um die Lichter auszuschalten, doch hielt dann inne. Was, wenn der Rest der Truppe nur darauf wartete, dass die Lichter verlöschten? Ben ließ die Hand vom Schalter sinken. Es müsste auch anders möglich sein, einen Blick auf die Siedlung zu bekommen. Er dachte nach. Natürlich, unter das Fahrzeug! So wie das Fahrzeug mit der Schnauze voran in die Schneewehe gekracht war, stand das Heck des Fahrzeugs jetzt etwas n die Höhe. Von dort heraus wäre er geschützt.

Gesagt, getan schaufelte er mit behandschuhten Händen den Schnee unter dem Fahrzeug weg. Immer bedacht darauf zu erkennen zu versuchen, ob das Fahrzeug nicht vielleicht nachgab und ihn unter sich begraben könnte. Was gar nicht so leicht war, bei all dem Lärm des Sturms und der verdeckten Sicht durch den Schnee auf seiner Schutzbrille. Wenige Minuten später lag er unter dem Cyclone und versuchte einen Blick auf die Siedlung zu werfen. Doch sie war weg. Verschluckt von der Dichte des Sturmes. Er warf sicherheitshalber eine Blick durch das Fernrohr, doch auch das entpuppte sich als nutzlos. Das bedeutete aber auch, dass wenn er die Siedlung nicht sehen konnte, dann könnten die Söldner auch ihn und dieses Geschehen hier nicht beobachtet haben. Toms Puls beruhigte sich um etliche Schläge. Wie also jetzt vorgehen? Fahrzeug nehmen und die wenigen hundert Meter heranfahren? In der Hoffnung, das Fahrzeug gebe genug Schutz bei einem offenen Gefecht? Dazu hätte er ganz sicher nicht die notwendige Erfahrung. Das wusste er. Blieb also nur der Weg zu Fuß und auf leisen Sohlen. Der Schneesturm und die nun einsetzende Dunkelheit dürften ihm Schutz geben.Er war schon fast aus seinem Versteck heraus, als ihm einfiel, dass es vielleicht eine gute Idee wäre Fahrer und Schütze auf brauchbares zu untersuchen. Er wurde schnell fündig. Ein Schal schützte jetzt sein Gesicht und ließ seine Lippen nach und nach wieder auftauen. Das Beinhalfter des Fahrers bescherte ihm eine Pistole. Sicherlich würde sich die deutlich besser auf kurze Entfernung einsetzen lassen als das schwere und unhandliche Gewehr. Er steckte sich noch zwei Magazine und das Kampfmesser des Schützen mit ein, ehe er sich vorsichtig und mit kleinen Schritten auf den Weg in die Siedlung machte.


TEIL 2

DER WEG ZUR SIEDLUNG

Es wurde mit jedem Schritt dunkler und der Sturm nahm an Intensität zu. Tom watete durch kniehohen Schnee der Siedlung entgegen. Es waren nur wenige hundert Meter und doch waren die großen roten Wohnmodule nur undeutlich hinter einer weißen Wand aus bitterer Kälte, tobendem Schnee und lautem Getöse des Windes verdeckt. Toms Schultern und Kapuze trugen die Last des darauf angelagerten Schnees zuverlässig. Weniger zuverlässig war jedoch die Temperatur. Tom fror mittlerweile wie Espenlaub. Ob vom aufgrund der blanken Nerven des vergangenen Kampfes oder der Kälte selbst, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Die Hände wurden langsam taub, die Oberschenkel schmerzten und der Weg war sehr beschwerlich. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er schon lange nichts mehr gegessen hatte. Doch das alles störte ihn wenig. Gleichmäßig und gegen den Sturm ankämpfend bewegte er sich Schritt für Schritt auf die Siedlung zu. Jetzt war sie schon deutlicher zu erkennen.

Die Lichter hinter den Schotten der Fenster waren nur noch gedämpft zu sehen. Was entweder an dem Sturm lag oder aber es musste sie jemand bewusst heruntergefahren haben. Es konnte also noch gut sein, dass noch jemand anwesend war. Immerhin stand da ja auch immer noch der Ursa Rover unter der Abdeckplane neben dem Wohnmodul. Plötzlich nahm er Bewegung hinter den Schotten war. Tom duckte sich, vergrub sich regelrecht im Schnee und legte sich flach auf den Boden. Ob sie ihn gesehen hatten? Er blieb eine Minute ruhig und lauschte. Doch er konnte nichts hören. Der Sturm verhinderte die Wahrnehmung jedes noch so kleine Geräusches. Erneut Bewegung hinter den Schotten. Ganz offensichtlich hatte jemand zum Fenster hinausgeschaut. Tom raffte sich wider auf und setzte seinen Weg fort. Die Augen immer auf das Fenster gerichtet.

Nur wenige Meter von der Haupteingangstür zu den Wohnmodulen entfernt kauerte sich Tom hinter ein Paar zugeschneite Vorratskisten. Wie sollte er jetzt dort hineingelangen und an die Ausrüstung kommen? Durch die Vordertür und den ausgebildeten Söldnern einfach frontal in ein Feuergefecht laufen? Wie hoch wären da wohl seine Erfolgschancen? Nein, er musste sich etwas anderes überlegen. Das Ding war doch, dass er versuchen müsste entweder beide auf einmal zu erwischen, da sonst der andere alarmiert würde. Oder aber er den einen vom anderen separieren, um sie nacheinander auszuschalten. Beides war in jedem Fall riskant und Tom kein ausgebildeter Söldner. Es kam jedoch noch ein entscheidender Faktor hinzu. Die klirrende Kälte stieg immer weiter in ihm hoch und es schien so, dass seine Kleidung den Kampf gegen die immer weiter fallenden Temperaturen verlieren verlor. Es musste also bald etwas geschehen, wenn er hier draußen nicht erfrieren wollte. Und das würde er garantiert. So viel hatte er in diesem knappen Jahr auf diesem Eisblock von einem Planeten gelernt. „Wartungsklappen!“ fiel es ihm brennend ein. Unter und an jedem Wohnmodul gab es Wartungsklappen, die sensible Leitungen und Armaturen hatte, um das Wohnmodul bei Ausfall verschiedenster Systeme von außen zu warten. Seine Miene hellte sich nur unmerklich auf. Wenn er es schaffte, das ein oder andere System auszuschalten und es so aussehen lassen könnte, dass die Kälte dran Schuld sei, dann könnte er die Söldner im Innern ablenken. Sofort fiel ihm die Klimatisierungseinheit ein. Bei dessen Reparatur vor wenigen Monaten hatte er noch George, dem Techniker der Siedlung, im Gespräch und bei viel zu viel Schnaps bei der Arbeit beigewohnt. George hatte noch gefeixt, wenn Tom ihn noch einmal beim Kartenspielen verarschte, dann würde er die Einheit seines Raumes einfach abschalten und ihn einfach erfrieren lassen. Es würde wie ein Unfall aussehen. Jetzt entpuppte sich Georges Scherz als eventueller Lebensretter. Doch waren die Söldner wirklich so blauäugig, diesen Plan nicht zu durchschauen? Oder hatten sie bereits damit gerechnet, dass Tom im Schnee und bei all der Kälte längst erfroren sei? Wie dem auch sei, wenn er nicht schnell handelte, dann würden sie ohnehin auf die Schliche kommen Oder die Kälte ihn erfrieren lassen. Denn ihre Kameraden und das Fahrzeug waren schon länger weg.Wenige Momente später schlich Tom mit steifen Gliedern in Richtung Klimatisierungseinheit, als plötzlich die Haupttür aufging und eine Gestalt in Uniform und Winterschutzbekleidung hinaustrat. Sie mussten ihn gesehen haben. Doch der Söldner stand nur da und beobachtete die Umgebung wie es schien. Tom lehnte gegen die Seitenverkleidung der Haupttreppe, als der Söldner einen Schritt tiefer die Treppe hinunter ging. Tom konnte nicht sagen, ob er nach ihm suchte oder was er da draußen wollte. Tom zwang sich dazu, sich aus seiner Schockstarre zu lösen und rückte Stück für Stück und stets darauf bedacht keinen einzigen Mucks von sich zu geben, unter die Treppe. Nun hatte er den Stiefel des Söldners genau vor seinem Gesicht. Wieder ging der Söldner zwei Stufen hinunter. Tom konnte nun erkennen, dass der Söldner sein Gewehr im Arm hielt. Tom wehte der Rauch von Zigaretten ins Gesicht. Langsam wie in Zeitlupe zog Tom die Pistole aus der Jackentasche, nahm sie zitternd in beide Hände, legte den Lauf vorsichtig auf die Treppenstufe vor sich, den Finger an den Abzug und zielte auf den Söldner. Nur noch einen weiteren Schritt und er könnte ihm den Gar aus machen. Doch bis jetzt waren nur die Beine zu sehen. Dann fiel es Tom wie Schuppen von den Augen. Wenn er jetzt schoss flog seine gesamte Tarnung auf. Dann wüssten alle im Wohnmodul, dass er noch da wäre. So langsam wie er sie herausgeholt hatte, steckte er die Waffe wieder weg. Es musste anders gehen und das gefiel ihm noch viel weniger. Das Messer. Der Söldner hatte sich bereits wieder herumgedreht, als Tom ohne groß nachzudenken die Stiefel des Söldners griff und kräftig daran riss.Der Söldner fiel nach hinten und knallte mit dem Hinterkopf auf der letzten Treppenstufe auf, ehe er noch ein wenig rutschte und mit dem Kopf im Schnee zum Liegen kam. So froh er war, das Messer jetzt doch nicht eingesetzt haben zu müssen, so erschrocken war er jetzt über den Schlag. Den hatte Tom deutlich im Gerüst des Wohnmoduls klingen hören. Er konnte nicht erst noch lange nachdenken, als die Tür des Wohnmoduls erneut aufglitt und zwei weitere Gestalten herauseilten, um dem Verunglückten zu helfen. Einer von beiden Sicherte mit dem Gewehr die Umgebung, während er andere sich um den Kameraden kümmerte. Wenn sie nicht dumm waren, dauerte es sicher nicht lange, ehe sie Tom unter der Treppe mit einem Blick zwischen die Treppenstufen erblicken würden. Tom zog fast schon geistesabwesend seine Pistole, legte zitternd an und roter Nebel, roter Nebel, roter Nebel, roter Nebel, roter Nebel. Der Schlagbolzen seiner Waffe klickte, nachdem er das gesamte Magazin verschossen hatte. Erst jetzt kam er wieder halbwegs zu sich und ließ die Waffe vor sich selbst erschreckend fallen. Dann erschreckende Stille trotz Sturm, Schnee und Kälte.


Teil 3

HILFERUF UND RETTUNG

Tom kam erst wieder zu sich als seine Füße vor Kälte begannen zu schmerzen. Ob nur wenige Minuten oder bereits Stunden vergangen waren, das wusste er nicht. Die Ereignisse des heutigen Tages lasteten schwer auf ihm. Das Winterfell der Kapuze stand starr im Sturm, völlig vereist. Seine Schutzbrille war fast vollständig zugeschneit, so wie der Rest seines Körpers. Lediglich der Schal vor seinem Gesicht ließ um den Mund herum vermuten, dass hier noch wer lebte. Tom traute sich einen Moment lang nicht zu bewegen. Er versuchte erst zu lauschen, ob und von woher sich jemand nähern mochte. Der Sturm fegte jedoch so unerbittlich um ihn herum, dass er darüber hinaus nichts wahrnehmen konnte. Die gesamte Welt um ihn herum war dunkel, weiß, bitter kalt und unendlich laut.

Langsam begann er sich zu bewegen. Seine Füße waren taub und seine Knie schrien vor Schmerzen. An seinen Händen konnte er erste Verbrennungen durch die Kälte spüren. Er hatte Mühe und Not, seine Finger wieder beweglich zu bekommen. Sein Atem ging flach und unstetig. Der Blick flirrte und Denken fiel ihm schwer. Minuten später hatte er sich aus seinem Versteck unter der Haupttreppe des Wohnmoduls befreit und hätte er sich nicht flach am Boden gehalten und den Windschatten des Treppengeländers genutzt, der Sturm hätte ihn vermutlich einfach mit sich gerissen. Und er musste sich ohnehin nah an der Treppe halten, denn es war mittlerweile tiefschwarze Nacht und jeder noch so kleine Umweg hätte ihn das Wohnmodul vermutlich nicht wiederfinden lassen. An der Haupttür angekommen, schlug Tom unbeholfen auf einen Schalter, da seine Feinmotorik völlig dahin war. Zischend und mit mechanischen Surren glitten beide Seiten der Schleusentür auf. Tom kroch unbeholfen und an die Wand abgestützt in die Schleuse. Ein erneuter Schlag auf einen Schalter und die Tür schloss sich wieder. Tom kauerte sich einen Moment lang zusammen und hielt sich die schmerzenden Hände vor die Brust. Alles tat ihm weh. Es dauerte einen Augenblick, ehe er zu Atem kam und sich Kapuze und Schutzbrille vom Kopf schob. Dort wo die Brille gesessen hatte, bildeten sich fleischig rote Wunden. Sein ganzes Gesicht war rot und geschwollen. Die Haare samt Bart zu Eis gefroren. So verging eine gute Stunde, in der er sich langsam aber sicher an die jetzt wahrnehmbare Wärme in der Schleuse gewöhnte. Sein gesamter Körper schrie wie von tausenden von Nadelstichen, als sein Körper langsam wieder auftaute. Eine weiter halbe Stunde später war er sich sicher, dass ihn scheinbar niemand mehr erwartete, öffnete die Innentür der Schleuse und trat in den deutlich wärmeren Wohntrakt der Moduls.Er beobachtete die Umgebung einen Augenblick. Dann ging er erschöpft und mit triefend nassen Klamotten in das Büro des Moduls, setzte sich an die Kommunikationskonsole, schaltete das Notrufsignal ein und sank zurück in den Stuhl. Jetzt musste er nur noch auf den bestätigten Empfang des Signals warten und in Nullkommanichts wäre Hilfe hier. Doch das konnte dauern. Langstreckenkommunikation war eben nicht die schnellste. Tom überkamen gleich zwei Gefühle zugleich. Hunger und Trauer. Jetzt wo er ein wenig zur Ruhe kommen konnte, da bemerkte er all die Empfindungen, die unter all der Anstrengung und dem Adrenalin verborgen geblieben waren. Jetzt erinnerte er sich an das Massaker in der Messe des Moduls. Ob sie wohl noch immer dort lagen? Tom wagte nicht nachzusehen. Dann brach er plötzlich in Tränen aus, heulte und schluchzte, schlug mit seinen verwundeten Händen auf den Tisch vor ihm ein. Er schrie und wand sich in Schmerz – nun da ihm der Tod seiner Frau und seiner kleinen Tochter in Erinnerung kam. Tom glitt vom Stuhl, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kommunikationsanlage und fiel in sich zusammen wie erschlagen. Er starrte etliche Stunden einfach nur gerade aus und es fühlte sich für ihn an, als wich sein ganzer Lebenswille aus ihm. Er fühlte plötzlich gar nichts mehr. Keinen Schmerz, keinen Hunger, keinen Hass, keine Rache, keine Trauer. Nur noch endlose Leere und den Wunsch, nicht mehr leben zu können. Es mussten Stunden vergangen sein, in denen er so da saß, als er einen blinkenden, grünen Schein an der gegenüberliegenden Armatur eines Aktenschrankes wahrnahm. Tom drehte sich mühselig herum, ging auf die Knie und hob den Kopf über die Ablage, an der er gerade gelehnt hatte. Das Notrufsignal war empfangen worden. Kein Zeichen der Freude auf seinem Gesicht. Denn es konnte noch Stunden, wenn nicht Tage dauern, ehe Hilfe hier wäre. Doch auch wenn er dann zumindest runter kam, von diesem Brocken aus Kälte, Eis und Schnee. Hier gab es nichts mehr für ihn. Doch wo sonst gäbe es jetzt noch etwas für ihn? Er kam auf keine Antwort.

Langsam erhob er sich, stand schließlich mit hängenden Schultern vor der Anlage, blickte noch einen Augenblick gedankenverloren auf das blinkende Licht und schlurfte dann hinkend in Richtung Messe. Jetzt überkamen ihn Schmerzen und Hunger zugleich. An der Messe angekommen, traute er sich erst nicht einzutreten. Könnte er den Anblick der vielen toten Freunde und Arbeitskollegen, ja sogar seiner Familie ertragen? Er fasste Mut und trat ein. Leer. Nicht ein toter Körper hier. Die Söldner mussten sie vermutlich in die Kälte gebracht haben. Umso besser dachte er, begab sich an die Vorratsschränke und plünderte sie achtlos, fahrig und ohne jede Rücksicht auf Rationen und Limits. Wenig später saß er an einem Tisch und nach einem Gelage, das für vier Personen gereicht hätte.

Tom wagte es nicht mehr, den Wohnbereich seiner Familie zu betreten. Es war viel zu viel immer wieder aufschäumende Verzweiflung in ihm, als dass er es zustande gebracht hätte, dort nochmal einen Fuß hineinzusetzen. Und auch in die Bereiche der anderen Bewohner traute er sich nicht. Stattdessen suchte er sich eine der leeren Gästekabinen, legte sich hin und fiel vor Erschöpfung sofort in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, wusste er nicht wie spät es war. Es war bereits wieder hell. Im Modul war die Beleuchtung automatisch wieder heraufgefahren worden. So wirkte es zumindest schon mal nicht mehr so einschläfernd auf ihn. Jetzt machten sich alle Gliedmaßen und Verletzungen so richtig bemerkbar. Tom, obwohl er sich ausgeruht fühlte, hatte Mühe sich aufzuraffen, schleppte sich dann in die Umkleide, nahm unterwegs einen Erste-Hilfe-Koffer mit und verarztete sich soweit er es konnte. Jetzt war es an der Zeit, sich auf die Abreise vorzubereiten. Er steckte sich kurzerhand in einen der hier versiegelten Raumanzüge, nahm Handschuhe und Helm mit sich mit und ging schwerfällig an die Kommunikationsanlage. ETA -1:32:12 las er dort. Also war noch genug Zeit, etwas zu essen und – ja und was eigentlich? Er wusste es nicht. Sollte er etwa noch das Licht ausschalten? Das Modul aufräumen? Nach den Toten suchen? Wozu? Stattdessen setzte er sich leer und antriebslos an die Anzeige und beobachtete ebenso leer und gedankenlos die Zeit ablaufen.

Tom war fast schon eingeschlafen, als ihn der kurze Doppellaute einer Schiffssirene aufschreckten. Sie waren da. Er blickte aus dem Fenster der Messe. Die Sonne stand tief und der Sturm hatte sich weitestgehend gelegt. Es lag eine seltsame Schönheit und Ruhe auf der Landschaft. Er konnte die Kälte im Gesicht spüren, die durch das Fenster ins Innere des Wohnmoduls drängte. Sein Atem beschlug an der Innenseite. Er zuckte ein weiteres Mal zusammen, als die Sirene erneut ein Doppelsignal von sich gab und das Schiff, eine Vanguard Hoplite, im großen Kreis über die Siedlung schwenkte und zur Landung weiter entfernt ansetzte.

Tom zog seine Handschuhe an, nahm seinen Helm unter den Arm, betrat die Schleuse und weiter hinaus ins Freie. Die Sonne blendete ihn und sofort nahm er die brennende Kälte in seinem Gesicht war. Er versuchte, sich mit einer Hand vor dem blendenden Sonnenlicht zu schützen und stieg langsam und kraftlos die Treppe hinunter. Fast wäre er über die drei Söldner gestolpert. Langsamen Schrittes ging er auf das Schiff zu, aus dem mittlerweile mehrere Personen ausgestiegen waren.

Endlich, Hilfe!“ dachte er. Roter Nebel.


Abschließend gibts hier noch die Geschichte als Download.

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